Der Sennestadtverein
Der Sennestadtverein

Geschichte der Sennestadt

Wer durch die Sennestadt geht oder fährt, wird nicht vermuten, dass diese ab 1955 errichtete "Großsiedlung" auf dem Gebiet der Gemeinde Senne II auf eine lange wechselvolle Geschichte zurückblicken kann. Dazu gehören die letzten 50 Jahre genauso wie die vorausgehenden rund 1000 Jahre, die seit der ersten Erwähnung des "desertum Sinethi" - der menschenleeren Landschaft Sinethi - in einer Urkunde Ottos III. aus dem Jahre 1002, vergangen sind. Die spärlichen schriftlichen Nachrichten im Hochmittelalter werden ergänzt durch wenige Bodendenkmale. Oberhalb des Markengrunds erhebt sich auf der Nordwestseite der spitze Kegel des "Lewenbergs" (Löwenburg). Hier errichtete 1177 Bernhard 11., Edler zu Lippe, ein Anhänger Heinrichs des Löwen, eine Verteidigungsanlage, von der einige Wälle heute noch sichtbar sind. Wahrscheinlich wurde die Anlage schon bald nach ihrem Bau in den Kämpfen zwischen Welfen und Staufern wieder zerstört.
Das unfruchtbare Gebiet (desertum) zwischen Paderborn und Brackwede wurde Jahrhunderte lang überwiegend als Weise- und Jagdgebiet genutzt. Die früheste Erwähnung einer Besiedlung stammt aus dem Jahre 1153. Unter den in dieser Quelle erwähnten Senner "Urhöfen" ist auch der ehemalige Hof Obergassel, heute Eichhof in Eckardtsheim, genannt. In dem fast menschenleeren Raum war die Grenzziehung zwischen den vier Nachbarn

  • dem Bischof von Paderborn, dem Edelherrn zu Lippe,
  • den Grafen Ravensberg und
  • dem Grafen von Rietberg

immer wieder Anlass zu Streitigkeiten.

 

1332 wurde das Gebiet von Senne II vom Grafen von Rietberg an den Grafen von Ravensberg verkauft. 1491 wurde die schon 1150 vereinbarte Grenze gegenüber Lippe längs des Menkebachs festgeschrieben und 1587 mit Grenzsteinen markiert.
Über die Besiedlung der nördlichen Senne im 16. Jahrhundert werden genaue Angaben im Ravensberger Urbar von 1556 gemacht. In dieser ältesten schriftlichen Aufzeichnung sämtlicher Ravensberger Gehöfte werden auch die Bauern und Kötter im Gebiet des späteren Senne II genannt, darunter auch der Hof des Johann uf der Linen (Lindemann).
Im Jahre 1587 wird das Gut "Dal-Beke'" (heutiges Dalbke) zum ersten Mal erwähnt. Dieses Gut liegt am Vierländereck. Durch Landwehren, die noch heute südlich von Dalbke zu sehen sind, suchten die Edelherren zu Lippe ihre Besitzung zu schützen. Beispiele für noch vorhandene Landwehren auf der ravensbergischen Seite sind auf dem "Kulturhistorischen Landschaftsweg Senne" zu finden, der im Buch "Wagnis Sennestadt" beschrieben wird (S. 170-177).
In Kriegszeiten zogen immer wieder Soldaten aus aller Herren Ländern durch die dünn besiedelten Gebiete und suchten die Bewohner mit Raub, Brandschatzung und Mord heim. Ein Echo auf die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges vernehmen wir, wenn wir die Inschrift auf den "Mordsteinen" in einem Wäldchen nahe dem Frieda-Nadig-Haus lesen. Im Jahre 1660 ermordete an diesem damals einsamen Ort ein aus einem brandenburgischen Dragoner-Regiment desertierter Reiter seine schwangere Frau und seinen kleinen Sohn. Der Flüchtige wurde ergriffen, seiner Tat überführt und wenig später am Ort seines Verbrechens aufs Rad geflochten.
1614 kam die Grafschaft Ravensberg an Brandenburg (ab 1701 Preußen). Nach den Verwüstungen des 30-jährigen Krieges bemühten sich der Große Kurfürst und seine Nachfolger um den Wiederaufbau des Landes. So wurde auch in der "Heepersenne", wie unsere engere Heimat genannt wurde, die Zahl der Gehöfte von 12 (1648) auf 46 (1702) erhöht. Die dadurch beträchtlich angewachsene Bevölkerung konnte durch Flachsspinnen und Leinenweben den notwendigen Lebensunterhalt verdienen. Diese Entwicklung steht im engen Zusammenhang mit dem damals aufblühenden Bielefelder Leinenhandel.
Das Leben der Bewohner der Senne sollte sich auch in den folgenden Generationen nicht sehr ändern. Während der Napoleonischen Kriege litt unsere Heimat unter den Kontributionen der kriegsführenden Parteien. Von 1807 bis 1813 Teil des Königreichs Westfalen unter Jerome, dem Bruder Napoleons, wurde die Heepensenne im Zuge einer Verwaltungsreform dem Amt Brackwede zugewiesen und erhielt die nüchterne Bezeichnung "Senne II".
In Dalbke wird im Jahre 1804 eine Ziegelei erwähnt, in der bis etwa 1830 gearbeitet wurde. Einen anhaltenden industriellen Aufschwung erlebte Dalbke dann erst durch Friedrich Ludwig Tenge (1793 - 1865), der als weitsichtiger Unternehmer 1832 eine moderne Papierfabrik am Menkebach errichten ließ. Aus heimischem Holz und Lumpen aus ganz Lippe wurde mit Wasserkraft Papier von anerkannter Qualität produziert. Die Fabrik wurde erst 1937 geschlossen.
Die Lage der ländlichen Bevölkerung von Senne II verschlechterte sich mit Beginn des 19. Jahrhunderts dramatisch. Durch die Einführung der mechanischen Spinn- und Webmaschinen wurde die überlebenswichtige Heimarbeit verdrängt. Umso mehr blühte der Schmuggel im Grenzgebiet zwischen Preußen und Lippe. Der Bartholdskrug am Hellweg auf lippischem Gebiet ist die einzige noch bei uns erhaltene Zollstation (bis 1842). Erst mit dem Aufblühen der Industrie in Brackwede und Bielefeld konnten später auch viele Familien aus der Senne dort ihren Lebensunterhalt verdienen. Mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie Paderborn-Bielefeld 1901 und der Verbesserung der Straßenverhältnisse wurden auch in Senne II die Voraussetzungen geschaffen für die Teilnahme am wirtschaftlichen Aufschwung vor dem ersten Weltkrieg.
Schon 1884 hatte Heinrich Andreas Schilling neben der späteren Kreuzkirche (1894) eine Eisenhütte gegründet, die bis 1999 arbeitete. 1903 wurde das noch heute existierende Sägewerk Tellenbröker gegründet. Weitere Handwerksbetriebe kamen schnell hinzu wie Tischler, Stellmacher oder Schmied. So hat sich z.B. aus der 1895 gegründeten Schmiede der heutige Kfz-Betrieb der Firma Gebr. Sprungmann entwickelt. Zwei Mühlen arbeiteten bis nach dem zweiten Weltkrieg. Die Piderits Bleiche wurde 1926 von Gustav Windel aufgekauft und zur Ausschaltung der Konkurrenz sogleich geschlossen.
Eine kurze Zeit geschäftigen Treibens brachte der Bau der Autobahn (A2 Hannover-Dortmund) ab 1936. Durch den Abbau einer gewaltigen Düne zur Gewinnung von Baumaterial entstand die Senke, in der heute das Sport- und Freizeitgelände liegt. 1939 wurde die "Raba"-Siedlung an der Bleicherfeldstraße für Mitarbeiter der Ravensbergischen Bastfabrik gebaut. Diese Siedlung wurde wie auch die 1950 errichteten Häuser am Neckar-, Kocher- und Bullerbachweg in die Planung der neuen Sennestadt integriert. Beide Wohnquartiere zeigen noch heute deutlich ihre ursprüngliche Gestalt.
Nach dem zweiten Weltkrieg waren auch in Senne II zahlreiche Zwangsarbeiter aus den mitteleuropäischen Ländern ohne Zukunftsperspektive hängen geblieben. Für sie boten die Bodelschwinghschen Anstalten in der Beckhofsiedlung Wohnung und Arbeitsplätze. Heute ist die Siedlung fast verschwunden. Nur die 1962 geweihte Vierkonfessionenkirche mit ihrem gesondert stehenden Glockenturm erinnert neben dem "Alten Beckhof" noch an die segensreiche diakonische Arbeit in diesem Teil Sennestadts. Die Beckhofsiedlung gehörte zuletzt zur Teilanstalt Eckardtsheim, die 1882 von Friedrich von Bodelschwingh gegründet wurde. Eckardtsheim befindet sich zur Zeit in einer Umbruchsphase von der Anstalt zu einem Ortsteil. Unverändert ist das reiche kulturelle Leben, das viele Besucher aus der Sennestadt anzieht.
Nach 1945 herrschte in Bielefeld eine schreckliche Wohnungsnot. 35 Prozent des Wohnraums waren durch Bomben zerstört. Zu den wohnungslosen Einheimischen kamen Tausende von Vertriebenen. Preiswertes Bauland gab es in der Nähe von Bielefeld nur im Gebiet der Gemeinde Senne II. Nach schwierigen Vorverhandlungen sprach sich der Rat der Gemeinde Senne II 1955 für den Bau einer "Großsiedlung" nach dem Entwurf von Dr. Hans Bernhard Reichow aus. Die neue Siedlung wuchs sehr schnell aus dem Boden. Die Einwohnerzahl stieg von rund 4500 "Altbürgern" 1955 auf insgesamt 16.000 Bürgerinnen und Bürger 1965 an. 1965 erhielt Senne II die Stadtrechte und nannte sich nun "Sennestadt". Die Selbständigkeit währte nur acht Jahre. 1973 wurde Sennestadt der Großstadt Bielefeld einverleibt und ist seitdem einer von zehn Stadtbezirken. Das erst 1975 bezugsfertige "Rathaus" am Stadtring dient nun als Sitz der Bezirksverwaltung und als Bürgerzentrum.
Der Stadtbezirk Sennestadt ist im Norden, Osten und Südosten von großen Waldflächen umgeben. Diese von Bebauung weitgehend freien Naturflächen verdanken wir dem Wasserreichtum unseres Gebietes. Schon 1882 hatte die Stadt Bielefeld damit begonnen, Höfe in Senne I und Senne II aufzukaufen, Brunnen zu bauen und so die Wasserversorgung für die wachsende Bevölkerung und die Industrie zu sichern. Sennestadt ist deswegen wohl auch bei der Gebietsreform von "wasserstrategischer" Bedeutung gewesen.