Der Sennestadtverein
Der Sennestadtverein

Arbeitskreis "Vielfalt in der Sennestadt"

Sennestädter Wohnzimmergespräche

„Weltreise durch Wohnzimmer“ hieß ein Projekt, das Catrin Geldmacher 2011 ins Leben rief. Der Arbeitskreis Vielfalt hat sich 2014 diesem Projekt angeschlossen und bisher Gastgeberinnen aus den Ländern Chile, Italien, der Türkei, Kirgistan, Ungarn und Griechenland gefunden. Die Idee ist, dass Menschen unterschiedlichster Nationalitäten, Kulturen und Altersgruppen Interessierte einladen, Gast in ihrem Wohnzimmer zu sein. Sie berichten über Sitten und Gebräuche und bieten ein kleines typisches Gericht aus ihrer alten Heimat an.
Inzwischen heißt  die Reihe „Sennestädter Wohnzimmergespräche“ und wird fortgeführt. Siehe Termine

NW vom 29.11.2017

Annas Geschichte nebst armenischen Leckereien

Beim siebten  Wohnzimmergespräch geht es um Armenien

 

Sennestadt (kris). Als Begrüßungsgetränk  gibt es Ayran, das aus Joghurt und Wasser  besteht. „Ich mag es besonders mit einem Löffel Salz“,  sagt Anna Avagyan. Die gebürtige  Armenierin begrüßte  gemeinsam mit dem Arbeitskreis Vielfalt des Sennestadtvereins die zwölf Teilnehmer  des Themenabends „Sennestädter  Wohnzimmergespräche“,  das jetzt im Containerdorf  für Flüchtlinge stattfand.  Thema diesmal: Armenien.  Der Tisch im Café „Miteinander“  des Containerdorfs  ist reich gedeckt mit allerlei  Leckereien. Eine Obstplatte  steht neben einem Teller mit  Blumenkohl und Peperoni.  Auf einem Korb liegt Lawasch,  ein ungesäuertes Fladenbrot.  Zwei große Töpfe  stehen auf dem Herd nahe der  Tische, darin Chaschlama, ein  traditionelles Gericht mit Kartoffeln,  Paprika und Rindfleisch.  Bevor die Besucher des  Wohnzimmergesprächs aber  zu essen beginnen, erzählt Anne  Avagyan von sich und dem  Staat Armenien, der im Kaukasus  zwischen Georgien,  Aserbaidschan, dem Iran und  der Türkei liegt. Anna Avagyan  ist 2015 mit ihrer Familie  nach Deutschland gekommen.  „Aus gesundheitlichen  Gründen des Vaters“, sagt sie. In ihrer Heimat studierte sie  BWL, jetzt hat sie eine Ausbildung  zur Hotelfachfrau begonnen. Deutsch brachte Avagyan  sich nach der Ankunft in  Deutschland erst einmal selbst  bei – mit dem Handy. Dann  folgte ein Sprachkurs. Neben  Armenisch spricht sie auch  Russisch. Armenien war bis  1991 eine Unionsrepublik der  Sowjetunion, noch heute ist  Russisch ein Pflichtfach in armenischen  Schulen. „Englisch  ist aber die wichtigere Fremdsprachegeworden“,  sagt die34-  Jährige. Nach den Länderinfos  erzählte Anna Avagyan  von den Essgewohnheiten der  Armenier – und das große  Schlemmen beginnt. Gemeinsam  mit ihrer Mutter hatte  Avagyan die armenischen  Spezialitäten für die Teilnehmer  zubereitet.

 

Die Themenländer der Sennestädter  Wohnzimmergespräche  waren bisher, neben  Armenien, die Türkei, Italien,  Kirgisistan, Chile, Griechenland und Ungarn.

Griechische Gastfreundschaft erleben

In der Reihe »Sennestädter  Wohnzimmergespräche« des  Arbeitskreises Vielfalt des  Sennestadtvereins erlebten 12 Gäste im Januar 2017 von  Paraskevi Kontonikou die vielgerühmte griechische  Gastfreundschaft. Bisher hatten  Gastgeber aus den Ländern  Chile, der Türkei, Italien,  Kirgisistan und Ungarn  ihre Wohnzimmer geöffnet  und ihre Geschichte erzählt, jetzt berichtete die junge  Sennestädterin mit griechischen  Wurzeln über die Heimat  ihrer Eltern, die sie  jedes Jahr besucht hat und  noch besucht. In den  1960er Jahren waren die  Eltern als Gastarbeiter nach  Deutschland gekommen,  angeworben von der Bundesrepublik,  die »Arbeitskräfte  benötigte, um die volle  Auslastung der Produktionsmöglichkeiten  im ,Wirtschaftswunderland‘  zu  gewährleisten«. Wula – auf  den Namen einigten wir uns,  eine Kurzform bzw. ein  Kosename ihres Vornamens  – erzählte uns, dass ihre  Eltern mit dem Vorsatz nach  Deutschland gekommen waren,  hier fünf Jahre zu arbeiten  und mit dem Angesparten  in Griechenland einen  Neuanfang zu wagen. Sie  stammten aus der Region  Thessaloniki, kamen aus  bäuerlichen Verhältnissen  und waren wie die Großeltern  Selbstversorger. In der  Zwischenzeit wurde Wula in  Bielefeld geboren und  schließlich wurden aus den  geplanten fünf Jahren dreißig.  Den Eltern war die  Erziehung ihrer Tochter sehr  wichtig: sie besuchte einen  deutschen Kindergarten mit  einer griechischen Erzieherin,  die für die griechischen  Kinder auf spielerische Art  und Weise die Muttersprache  ausübte. Die Eltern gingen  zu griechischen Ärzten,  kauften bei Griechen ein  und fuhren in den Sommerferien  vier Wochen zu den  Großeltern nach Griechenland.  Das Lebensgefühl  des Gastarbeiterkindes  Auf die Frage, wie sie sich in  ihrer Kindheit und Jugend  gefühlt hat, als Deutsche  oder als Griechin, antwortete  sie, dass für sie ganz klar  war, dass die Eltern als  griechische Gastarbeiter in  Deutschland waren, die nur  gearbeitet und nie richtig  die deutsche Sprache gelernt  haben, aber dass sie sich  schon mehr als Deutsche  gefühlt hat. Anders als die  Eltern ihrer deutschen  Freunde unternahmen sie keine Ausflüge, nahmen an  keinen sportlichen und kulturellen Aktivitäten teil – das  Wort Freizeit war ihnen  fremd. Aber sie waren ihre  Vorbilder und haben sie für ihr Leben geprägt.  Wula machte einen zusätzlichen Abschluss an der  Abendrealschule und ihren  Betriebswirt, sie hat einen  deutschen Lebensgefährten,  die doppelte Staatsangehörigkeit und einen Sohn, der  aber die griechische Sprache  nicht lernen wird. Ihre  Eltern leben mittlerweile auf  Rhodos und werden regelmäßig  besucht.  Assistiert von ihrer griechischen  Freundin Elly (von  Eleftheria = Freiheit), die in  Athen lebte, erzählte uns  Wula – sehr gut vorbereitet  – alles Wissenswerte über  die Sprache, die Kultur, das  alte und das neue Griechenland  –, über Sitten und  Gebräuche, die Nationalfeiertage  und Feste und ließ dazu  Fotos, Bücher und Andenken  herumgehen. Die Religion  ist vorherrschend orthodox,  und gerade das Osterfest  unterscheidet sich wenig  von dem deutschen, nur  dass der Ostersonntag der  höchste kirchliche Feiertag  ist, zu vergleichen mit Weihnachten  in Deutschland.  Natürlich gab es griechische  Köstlichkeiten! Empfangen  wurden die Gäste mit einem  Glas Wasser – das traditionelle  Begrüßungsgetränk in  Griechenland: Der Gast  könnte durstig sein, und es  wäre unhöflich, ihm kein  Wasser anzubieten. Im Hintergrund  zeigte der Flachbildschirm  stimmungsvolle Bilder  der griechischen Insellandschaft,  die unterlegt waren  mit leiser griechischer Musik.  Von wegen Kleinigkeit…  Wula und Elly deckten nach  der Begrüßung den Tisch  mit »dem kleinen typisch  griechischen Gericht«: eingelegte  Paprikaschoten, mit  Reis gefüllte Weinblätter,  Pastizio (eine griechische  Lasagne), Auberginensalat,  Bauernsalat, Spanakopita  (Blätterteig mit Spinat und  Schafskäse), Tiropita (Blätterteig  mit Schafskäse) und  Rivani, ein Grieskuchen mit  Sirup. Dazu gab es – was  auch sonst! – einen roten  und weißen Retsina und  zum Abschluss einen Ouzo.  Die Gäste dankten ihrer  Gastgeberin herzlich für den  unglaublich informativen  Abend, den Einblick in ein  Leben, das sich von unserem  durch die Herkunft unterscheidet,  und die sprichwörtliche  Gastfreundschaft  der Griechen.

 

Brigitte Honerlage